Die Odyssee hat im Deutschen eine besondere Geschichte. Johann Heinrich Voss erfand für seine Übersetzung von 1781 den deutschen Hexameter — eine metrische Form, die es bis dahin in der deutschen Dichtung nicht gab — und prägte damit, wie Generationen von Lesern Homers Klang im Ohr hatten. Seither messen sich alle deutschen Übersetzungen an Voss, ob sie ihn fortführen oder von ihm abstoßen.
Das stellt den heutigen Leser vor eine echte Wahl. Die Voss-Übersetzung ist ein Monument der deutschen Literaturgeschichte, aber kein leichter Einstieg. Schadewaldts Prosaübersetzung bietet philologische Strenge in modernerem Gewand. Steinmanns jüngere Versübersetzung sucht einen dritten Weg: metrische Treue ohne die syntaktischen Verrenkungen des alten Voss.
Die Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt ist die Hauptempfehlung dieses Führers. Sie ist die maßgebliche Prosaübersetzung des 20. Jahrhunderts, die genaueste und in deutschen Universitäten am weitesten verbreitete Version. Wer die Odyssee zum ersten Mal ernsthaft lesen möchte, beginnt hier.
Odyssee — Übers. Wolfgang Schadewaldt (Rowohlt, 1958/Neuaufl.)
Erste Lektüre empfohlen für die meisten Leser
Schadewaldt war einer der bedeutendsten Gräzisten des 20. Jahrhunderts, und seine Prosaübersetzung der Odyssee spiegelt diese Gelehrsamkeit auf jeder Seite. Er verzichtet auf den Vers zugunsten einer rhythmischen Prosa, die den griechischen Redefiguren und formelhaften Wiederholungen eng folgt — dem Kernmerkmal der homerischen Dichtung, das viele ältere Übersetzungen glätten. Das Ergebnis ist eine Odyssee, die wissenschaftlich präzise und dennoch gut lesbar ist. Lange Zeit die Standardübersetzung an deutschen Universitäten und Gymnasien; die Rowohlt-Taschenbuchausgabe ist die am weitesten verbreitete aktuelle Edition.
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Odyssee — Übers. Kurt Steinmann (Penguin Klassiker, 2007/2016)
Die beste moderne Versübersetzung
Steinmann erhielt 2019 den Johann-Heinrich-Voss-Preis für Übersetzung — eine Auszeichnung, die den Kreis zur Geschichte der deutschen Homerverdeutschung bewusst schließt. Seine Versübersetzung nutzt den deutschen Hexameter mit beträchtlicher rhythmischer Flexibilität: Er bleibt dem griechischen Metrum treu, ohne die syntaktische Starrheit zu übernehmen, die Voss für viele Leser schwer zugänglich macht. Walter Burkert steuerte ein Nachwort bei. Die Penguin Klassiker-Taschenbuchausgabe von 2016 ist die aktuell gut verfügbare Edition. Für Leser, die den Klang des Verses wollen, ohne die historische Patina von Voss, ist Steinmann die richtige Wahl.
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Odyssee — Übers. Johann Heinrich Voss (Reclam, 1781/Neuaufl.)
Die klassische Übersetzung — ein Monument der deutschen Literaturgeschichte
Voss' Odyssee von 1781 ist kein historisches Kuriosum, sondern ein Gründungstext der deutschen Literatur. Um Homers Hexameter zu übertragen, erfand Voss eine deutsche Entsprechung, die stilprägende Wirkung auf Goethe, Schiller und die gesamte Weimarer Klassik hatte. Seine Syntax ist stark gräzisiert — Inversionen, gehäufte Partizipialkonstruktionen, archaisches Vokabular — was die Lektüre für den modernen Leser anspruchsvoll macht. Wer Voss liest, liest aber auch, wie Homers Epik in die deutsche Sprache eingewandert ist; das ist ein literarisches Erlebnis eigener Art. Die Reclam-Ausgabe, mit Nachwort von Melanie Möller, ist die maßgebliche aktuelle Edition des Textes.
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