Abschnitt 8
Antike Historiker
Was die Antike selbst über Homer und die Welt der Odyssee dachte
Homer wurde in der Antike nicht wie ein Dichter gelesen, sondern wie eine Enzyklopädie — als Quelle von Theologie, Geschichte, Geographie und Moral. Die folgenden antiken Texte helfen zu verstehen, in welchem Kontext die Odyssee entstand und wie Homers Zeitgenossen und Nachfolger das Epos lasen.
Theogonie und Werke und Tage — Hesiod
Hesiod ist Homers engster Zeitgenosse — wahrscheinlich aus dem 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr. Die Theogonie erzählt die Entstehung der Götter und des Kosmos: Wer ist Zeus' Vater? Wie kamen Athene und Hermes in die Welt? Wie übernahmen die olympischen Götter die Herrschaft von den Titanen? Diese Genealogie ist der mythologische Hintergrund, den Homer voraussetzt. Werke und Tage beschreibt das bäuerliche Leben in einer Welt, in der die Götter noch direkt eingreifen. Beide Texte sind kurz und gut zugänglich in der Reclam-Ausgabe.
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Herodot gilt als Vater der Geschichtsschreibung. Er diskutiert Homer mehrfach — manchmal zustimmend, manchmal kritisch — und versucht zu bestimmen, welche Teile des Trojanischen Krieges historisch plausibel sind. Seine Überlieferungen über Ägypten, Persien und die griechischen Stadtstaaten geben einen Eindruck davon, wie groß und vielfältig die antike Mittelmeerwelt war, in der die Odyssee-Rezeption begann. Für den Leser, der verstehen will, wie die Griechen selbst den trojanischen Mythos historisch verorteten, ist Herodot unverzichtbar.
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Platon hat ein gespaltenes Verhältnis zu Homer. In der Politeia verbannt er die Dichter aus dem Idealstaat, weil ihre Darstellung der Götter moralisch bedenklich sei — und Homer ist sein Hauptbeispiel. Im Ion untersucht er, wie Dichter eigentlich wissen, was sie sagen: durch Vernunft, oder durch göttliche Eingebung? Diese Texte zeigen, wie zentral Homer im athenischen Bildungssystem war — und wie provokant es war, ihn zu kritisieren. Platons Einwände gegen Homer sind die erste systematische Literaturkritik der Weltgeschichte.
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Ilias — Homer
Die Odyssee ist die Fortsetzung — nicht die Fortsetzung der Ilias, aber ihr Geschwisterepos. Beide setzen denselben Trojanischen Krieg voraus, denselben Olymp, dieselben Helden. Wer die Ilias kennt, versteht die Odyssee tiefer: warum Achill in der Unterwelt erscheint und was er Odysseus sagt, warum Agamemnons Schicksal Odysseus warnt, warum der Krieg überhaupt begann. Die Odyssee kann man ohne die Ilias lesen — aber mit ihr wird das Epos dreidimensional. Schadewaldts Ilias-Übersetzung (Insel) ist die gleiche Empfehlung wie für die Odyssee.
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