Vollständiger Leitfaden zur Odyssee

Die Welt des Odysseus

Das Mittelmeer der Bronzezeit, das Odysseus durchquert

Die Welt des Odysseus, Moses Finley
Die Welt des Odysseus — Moses I. Finley
Fischer Taschenbuch (dt. Übers.)
Das grundlegende Werk zur sozialen Welt hinter Homers Epos. Finley, der große britisch-amerikanische Althistoriker, fragt nicht, ob Troja wirklich existierte, sondern: Welche Gesellschaft beschreibt Homer? Wie funktionieren Ehre, Gastfreundschaft, Tausch und Herrschaft in der Odyssee? Seine Antworten sind noch immer der beste Einstieg in die historische Welt des Epos — knapp, klar und brillant argumentiert. Wer die gesellschaftlichen Regeln der Odyssee verstehen will (warum muss Odysseus seine Identität verbergen? warum sind die Freier ein Skandal?), findet bei Finley die klarsten Erklärungen.
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Odyssee — Eine moderne Fortsetzung, Nikos Kazantzakis
Odyssee — Eine moderne Fortsetzung — Nikos Kazantzakis
Übers. Helmut von den Steinen (verschiedene Verlage)
Kazantzakis' monumentale Fortsetzung setzt dort ein, wo Homer aufhört: Odysseus hat die Freier getötet, ist mit Penelope vereint — und verlässt Ithaka schon wieder. Das Werk umfasst 33.333 Verse und ist eines der ehrgeizigsten Eposprojekte des 20. Jahrhunderts. Es ist kein leichtes Buch — es ist ein Buch für Menschen, die bereits mit der Odyssee vertraut sind und den Stoff bis an seine äußerste Grenze denken wollen. Kazantzakis' Odysseus ist ein moderner Mensch: rastlos, skeptisch, auf der Suche nach einem Sinn, der sich nicht finden lässt. Als Gegenpol zu Homers Epos ist das Werk unersetzlich.
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Geographie: Wo spielt das Epos?

Homers Geographie ist halb real, halb mythisch. Troja (Ilion) ist historisch — ausgegraben in Hisarlik in der heutigen Türkei. Ithaka ist identifiziert, auch wenn seine genaue Lage in der Antike schon umstritten war. Die meisten anderen Orte sind unbekannt oder erfunden: Das Land der Kyklopen, Kirkes Insel Äa, die Unterwelt — diese Orte liegen jenseits der kartographierbaren Welt.

Das ist kein Problem für den Leser, der dem Epos folgen will. Homers geographischer Rahmen ist absichtlich vage: Die Abenteuer des Odysseus spielen in einem Raum zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten, zwischen Mittelmeer und dem mythischen „Ozean", der die Ränder der Welt umgibt. Die Reisekarte verfolgt die Stationen des Weges — mit dem Verständnis, dass viele davon keine realen Orte haben.

Xenia: Die Gesetze der Gastfreundschaft

Kein anderes soziales Gesetz strukturiert die Odyssee so sehr wie die xenia — die Pflicht zur Gastfreundschaft zwischen Wirt und Fremdem, geschützt von Zeus Xenios. Die Regeln sind klar: Der Fremde wird aufgenommen, bewirtet und beschenkt, bevor man seinen Namen fragt. Der Wirt darf den Gast nicht abweisen, der Gast nicht die Gastfreundschaft missbrauchen.

Jede wichtige Begegnung der Odyssee ist an diesem Maßstab zu messen: Die Phäaken erfüllen die xenia vorbildlich. Polyphem der Kyklop bricht sie monströs. Die Freier in Ithaka missbrauchen sie: Sie sind nicht Gäste, sondern parasitäre Eindringlinge, die sich Jahrelang bedienen lassen ohne eingeladen zu sein. Das macht ihren Tod — in Homers Logik — nicht zur Gewalt, sondern zur gerechten Wiederherstellung der Ordnung.

Für die mythologischen Hintergründe: Mythologie. Für die historische Forschung: Antike Historiker.