Die Welt des Odysseus
Das Mittelmeer der Bronzezeit, das Odysseus durchquert
Geographie: Wo spielt das Epos?
Homers Geographie ist halb real, halb mythisch. Troja (Ilion) ist historisch — ausgegraben in Hisarlik in der heutigen Türkei. Ithaka ist identifiziert, auch wenn seine genaue Lage in der Antike schon umstritten war. Die meisten anderen Orte sind unbekannt oder erfunden: Das Land der Kyklopen, Kirkes Insel Äa, die Unterwelt — diese Orte liegen jenseits der kartographierbaren Welt.
Das ist kein Problem für den Leser, der dem Epos folgen will. Homers geographischer Rahmen ist absichtlich vage: Die Abenteuer des Odysseus spielen in einem Raum zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten, zwischen Mittelmeer und dem mythischen „Ozean", der die Ränder der Welt umgibt. Die Reisekarte verfolgt die Stationen des Weges — mit dem Verständnis, dass viele davon keine realen Orte haben.
Xenia: Die Gesetze der Gastfreundschaft
Kein anderes soziales Gesetz strukturiert die Odyssee so sehr wie die xenia — die Pflicht zur Gastfreundschaft zwischen Wirt und Fremdem, geschützt von Zeus Xenios. Die Regeln sind klar: Der Fremde wird aufgenommen, bewirtet und beschenkt, bevor man seinen Namen fragt. Der Wirt darf den Gast nicht abweisen, der Gast nicht die Gastfreundschaft missbrauchen.
Jede wichtige Begegnung der Odyssee ist an diesem Maßstab zu messen: Die Phäaken erfüllen die xenia vorbildlich. Polyphem der Kyklop bricht sie monströs. Die Freier in Ithaka missbrauchen sie: Sie sind nicht Gäste, sondern parasitäre Eindringlinge, die sich Jahrelang bedienen lassen ohne eingeladen zu sein. Das macht ihren Tod — in Homers Logik — nicht zur Gewalt, sondern zur gerechten Wiederherstellung der Ordnung.
Für die mythologischen Hintergründe: Mythologie. Für die historische Forschung: Antike Historiker.