Abschnitt 11
Neuschreibungen
Moderne Romane, die Homers Welt weiterdenken
Seit dem Erscheinen von Madeline Millers Kirke im Jahr 2018 hat sich ein ganzes Genre etabliert: Romane, die Figuren der Odyssee und des Trojanischen Krieges eine neue, eigenständige Stimme geben. Die folgenden vier sind die wichtigsten — und der beste Einstieg nach der Odyssee.
Kirke — Madeline Miller
Miller erzählt die Geschichte der Zauberin Kirke — Tochter des Helios, Halbgöttin, aber weder mächtig noch schön nach göttlichem Maßstab. Kirke entdeckt ihre magische Begabung, wird auf die Insel Äa verbannt und begegnet dort im Laufe der Jahrhunderte Odysseus, Jason, Daidalos und anderen Helden. Miller beschreibt eine Figur, die in Homers Epos nur als Bedrohung und Werkzeug erscheint, und gibt ihr ein vollständiges inneres Leben: Stärke durch Lernen statt durch Geburt. Die Beschreibung von Odysseus' Jahr auf Äa — aus Kirkes Sicht — ist eine der überzeugendsten Umdeutungen der Odyssee in der modernen Literatur. Weltweit über drei Millionen Mal verkauft.
Auf Amazon.de ansehen → Die Penelopiade — Margaret Atwood
Atwood lässt Penelope aus der Unterwelt sprechen und die Geschichte, die Homer über sie erzählt hat, zurechtrücken. Penelope war nicht passiv: Sie hat die Freier aktiv hingehalten, zwölf Dienerinnen als Spioninnen eingesetzt — und diese zwölf Dienerinnen wurden am Ende zusammen mit den Freiern von Odysseus getötet. Atwood fragt: Wer war diesen Frauen Gerechtigkeit schuldig? Die Penelopiade ist kurz (unter 200 Seiten), scharf und humorvoll — eine Lektüre für einen Nachmittag, aber eine, die die Odyssee nachhaltig verändert. Es war das erste Buch der Canongate-Mythen-Reihe und ist inzwischen ein moderner Klassiker.
Auf Amazon.de ansehen → Tausend Schiffe — Natalie Haynes
Haynes erzählt den Trojanischen Krieg aus der Perspektive von zwanzig Frauen: Penelope, Hekuba, Klytaimnestra, Kassandra, Briseis — und vielen weniger bekannten. Jede hat eine andere Stimme, eine andere Wut, eine andere Art zu trauern. Das Buch ist die konsequenteste Antwort auf Homers Ilias und Odyssee als Männerepen: Es stellt die Frage, was der Krieg für diejenigen bedeutete, die ihn nicht wählten. Für Leser, die sich nach der Odyssee fragen: Was passierte mit all diesen anderen Figuren? — ist Tausend Schiffe die vollständigste Antwort.
Auf Amazon.de ansehen → Lavinia — Ursula K. Le Guin
Le Guins letzter Roman gibt Lavinia — der stummen lateinischen Prinzessin aus Vergils Aeneis — eine Stimme und eine Geschichte. Lavinia begegnet dem sterbenden Vergil als Geist: Sie weiß, dass sie eine Romanfigur ist, aber sie lebt trotzdem ihr Leben so vollständig wie möglich. Das Buch ist eine Meditation über die Frage, was es bedeutet, eine Figur in einem großen Epos zu sein — und was das Leben zwischen den Zeilen enthält. Technisch gesehen gehört es zur Aeneis-Welt, nicht direkt zur Odyssee — aber für Leser, die nach der Odyssee weiterlesen, ist Le Guins Buch das außerordentlichste in diesem Umkreis.
Auf Amazon.de ansehen → Für die Quellen, auf die diese Romane antworten: Nach der Odyssee und Antike Historiker.