Vollständiger Leitfaden zur Odyssee

Nach der Odyssee

Was als nächstes lesen — die großen Texte, die die Odyssee umgeben

Wer die Odyssee gelesen hat, steht vor einer erfreulichen Frage: Was jetzt? Drei Texte gehören zur unmittelbaren Umgebung des Epos und vertiefen das Verständnis erheblich.

Ilias, Übersetzung Wolfgang Schadewaldt, Insel Verlag
Ilias — Homer
Übers. Wolfgang Schadewaldt (Insel) oder Johann Heinrich Voß (Reclam)
Die Ilias erzählt etwa fünfzig Tage im zehnten und letzten Jahr des Trojanischen Krieges — nicht den ganzen Krieg, nur den Zorn des Achill und seine Folgen. Sie ist das Geschwisterepos der Odyssee und ihr Gegenstück: Wo die Odyssee Heimkehr und Überleben feiert, feiert die Ilias Kriegsruhm und einen frühen, schönen Tod. Achill erscheint in der Odyssee — in der Unterwelt, im Gesang XI — und sagt Odysseus etwas Entscheidendes über den Wert des Ruhms gegenüber dem Leben. Wer diesen Moment versteht, versteht das Herzstück beider Epen. Schadewaldt hat beide übertragen — seine Ilias erschien bei Insel, seine Odyssee bei Rowohlt; beide sind von derselben philologischen Sorgfalt.
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Aeneis, Vergil, deutsche Übersetzung
Aeneis — Vergil
Übers. Gerhard Fink (Artemis & Winkler) oder Johann Heinrich Voß (Reclam)
Vergils Aeneis ist Roms Antwort auf Homer: Äneas, trojanischer Held und Flüchtling nach dem Fall Trojas, sucht eine neue Heimat und gründet schließlich das Volk, aus dem Rom entstehen wird. Die ersten sechs Bücher der Aeneis folgen bewusst der Odyssee-Struktur (Irrfahrten, Unterweltsbesuch), die letzten sechs der Ilias (Krieg und Tod). Vergil schreibt immer im Bewusstsein Homers — jede Szene ist eine bewusste Antwort oder Variation. Die Aeneis ist gleichzeitig eine Hommage an und eine Neuschreibung der homerischen Welt. Gerhard Finks Übersetzung ist die zugänglichste moderne Version auf Deutsch.
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Metamorphosen — Ovid
Übers. Erich Rösch (dtv) oder Michael von Albrecht (Reclam)
Ovids Metamorphosen sind kein Epos im homerischen Sinne, aber das vollständigste mythologische Kompendium der Antike in Versen. Buch XIII–XIV behandelt die Geschichte nach dem Fall Trojas — Odysseus' Heimkehr, Kirke, Polyphem, die Verwandlung von Skylla — aus einer pointiert anderen, oft ironischen Perspektive als Homer. Wer wissen will, wie ein lateinischer Dichter drei Jahrhunderte nach Vergil den griechischen Mythos las und verarbeitete, findet in den Metamorphosen die reichhaltigste Antwort. Sie lassen sich auch kapitelweise lesen — man muss die 15 Bücher nicht am Stück durcharbeiten.
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Für moderne Romane im Umfeld des Trojanischen Krieges: Neuschreibungen. Für moderne Forschungsliteratur: Moderne Forscher.