Analyse
Die Protagonisten
Odysseus und Penelope — die zwei Zentren des Epos
Odysseus
Homer nennt ihn im ersten Vers polytropos — der Mann der vielen Wendungen. Das griechische Wort bedeutet sowohl „viel gereist" als auch „vielschichtig": Odysseus ist ein Mann, der sich anpasst, verkleidet, täuscht — und dessen inneres Wesen dadurch schwer zu fassen ist. Er ist der einzige Held der griechischen Epik, der nicht durch Kraft und Mut, sondern durch Klugheit überlebt. Zugleich ist er zutiefst menschlich: Er weint täglich auf Kalypsos Insel; er zögert, sich Penelope zu offenbaren; er ist stolz bis zur Hybris — sein größter Fehler ist, dem Kyklopen nach der Blendung seinen Namen zu nennen. Homer gibt uns einen Helden, der brillant und fehlbar zugleich ist: Der Mann, der alle täuscht, täuscht am Ende fast sich selbst.
Penelope
Penelope ist nicht die passive wartende Frau, als die sie manchmal missverstanden wird. Sie ist Odysseus' intellektuelles Ebenbild: klug, berechnend, geduldig. Ihre Strategie mit dem Leichentuch — tagsüber weben, nachts auftrennen — ist eine List, die der des Kyklopen-Plans in ihrer Brillanz nicht nachsteht. Ihr langes Zögern, Odysseus anzuerkennen, ist kein Misstrauen — es ist der Test einer Frau, die zwanzig Jahre lang Fremde auf ihren Mann hin geprüft hat. Der finale Test mit dem Bett ist ihr Meisterstück: Nur Odysseus, der das Bett selbst aus einem lebenden Olivenbaum gezimmert hat, kann die richtige Antwort geben. Homer beendet das Epos nicht mit Odysseus' Triumph, sondern mit Penelopes Anerkennung.
Telemach
Telemach ist der dritte Protagonist — der, der am Anfang steht. Er ist zwanzig Jahre alt und hat nie einen Vater gehabt; er weiß nicht, wie man ein Haus führt, wie man Autorität ausstrahlt, wie man Männer befehligt. Die ersten vier Gesänge zeigen seinen Bildungsroman: Er reist zu Nestor und Menelaos, nimmt Ratschläge an, trifft Entscheidungen. Bis Odysseus heimkehrt, ist Telemach kein Junge mehr. Sein Reifungsprozess ist das Gegenstück zu Odysseus' Heimkehr: Das eine setzt das andere voraus. Homer war einer der ersten Dichter der Welt, der verstand, dass ein Epos über einen Vater auch ein Epos über seinen Sohn sein muss.
Für alle Figuren auf einen Blick: Figurenverzeichnis. Für die zentralen Themen: Themen.